Im Bazar der Geschlechter – der Film

im-bazar-der-geschlechterIm Bazar der Geschlechter – der Film

„Im Bazar der Geschlechter“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010 und eine österreichisch-deutsche Produktion. Regie führte die iranisch-stämmige Sudabeh Mortezai, die in Deutschland geboren und in Österreich als auch im Iran groß geworden ist. Die Dokumentation nimmt sich eines Themas an, das zwar im schiitischen Islam eine Selbstverständlichkeit ist, dafür aber auch in der iranischen Gesellschaft in gewisser Weise tabuisiert wird. Daher ist über die Ehe auf Zeit, auch Lustehe genannt, in der westlichen Welt nur sehr wenig bekannt. Da in islamischen Systemen wie dem des Irans das nicht eheliche Zusammenleben verboten ist, gibt es diese Zeitehe, in der Männer und Frauen sich gleichermaßen davon überzeugen können sollen, ob der Partner der richtige für das Leben ist – eigentlich.

Die Ehe auf Zeit – darum prüfe, wer sich ewig binden will

Für Menschen in einer Gesellschaft wie in Deutschland mögen bestimmte Moralvorstellungen heute befremdlich, ja gar unmenschlich erscheinen. Doch soll an dieser Stelle daran erinnert werden, dass auch bei uns das Zusammenleben in einer „Wilden Ehe“ bis Mitte der 1970er strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Bis 1928 war sogar die körperliche Züchtigung, also die Bestrafung durch Schläge bei der Wilden Ehe möglich. Gänzlich abgeschafft wurde das Gesetz gar erst 2000. In den scheinbar so liberalen USA wurde die Wilde Ehe im Bundesstaat North Dakota sogar erst 2007 abgeschafft. Damit sind wir eigentlich gar nicht so weit weg von den heute noch so befremdlich wirkenden Gesetzen im Iran. In gewisser Weise stellt sich der Iran dann sogar als fortschrittlicher dar, gibt es mit der Ehe auf Zeit doch die Möglichkeit, zu testen, ob man wirklich zueinanderpasst.

Wirklich sich besser kennenlernen oder nur versteckte Prostitution?

Oft wird die Lustehe bei denjenigen, die darüber wissen, als „verkappter Ersatz“ für Prostitution erklärt. Doch stimmt das wirklich so? Dieser Frage geht die Regisseurin unter anderem in „Im Bazar der Geschlechter“ nach. So hat ein junger Taxifahrer echte Probleme, in seiner Heimatstadt eine Wohnung zu finden, weil die meisten Vermieter eine Ehe voraussetzen. Der einzige Ausweg dafür ist für ihn die Zeitehe. Die kann von einer Stunde bis zu 99 Jahre geschlossen werden. Dementsprechend wird auch das Brautgeld, das hier ebenfalls zu entrichten ist, fällig. Aber auch für Frauen jenseits der 40 ist es eine Chance, wieder eine Integration in die Gesellschaft und vor allem eine finanzielle Versorgung zu erreichen. Denn geschiedene oder alleinstehende Frauen sind buchstäblich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Doch wird das Thema nicht nur durch Lebensbeispiele nähergebracht.

Im Bazar der Geschlechter: der Iran in seltsamer Weise offen

Sudabeh Mortezai hat es tatsächlich geschafft, auch Geistliche zu dem Thema zu befragen. Interessant ist dabei die völlig unterschiedliche Interpretation der Lustehe verschiedener Geistlicher. Informativ ist aber auch, dass die Predigt zur Zeitehe, also die Legitimation, die Sigheh, nicht einmal von Geistlichen durchgeführt werden muss. Es ist ausreichend, wenn sie ein in der Religion gläubiger Schiit durchführt. Auch eine Urkunde ist nicht zwingend erforderlich. Darüber hinaus kommt in „Im Bazar der Geschlechter“ auch ein junger iranischer Blogger zu Wort, welcher der Auffassung ist, dass die Zeitehe Frauen deutlich benachteiligen würde. Es kommt sogar zu einer Diskussion mit einem der Geistlichen, die man so – mit dem Bild, das uns vom Iran vermittelt wird – nicht im Geringsten erwarten würde.

Eine sehenswerte Dokumentation auf ein anderes Gesellschaftsbild

Allerdings, um die bei uns vorherrschenden Klischees dann doch zu erfüllen, ist die Dokumentation im Iran erwartungsgemäß verboten. Jedoch ist die Regisseurin (noch) nicht mit einem Berufsverbot belegt, wie beispielsweise Jafar Panahi. Amnesty International Österreich ist zudem Kooperationspartner für das Filmprojekt. Auf jeden Fall gewährleistet die Dokumentation einen guten Einblick in ein aus heutiger Sicht für viele Menschen in Europa unvorstellbar anmutendes Konzept von Moral und Sittlichkeit, weshalb sie auch ausgesprochen sehenswert ist. Ganz besonders, wenn man sich vor Augen hält, dass es diese Möglichkeit in einer noch strengeren Moralvorstellung in Deutschland so nicht einmal gab.